18-03-2008, 10:46 AM
Zwischen Himmel und Hölle
Von Marc Pitzke, New York
Tausende Iraker arbeiteten nach der Invasion als Dolmetscher für die Amerikaner. Sie wurden ausgenutzt, vergessen - und von ihren Landsleuten als Verräter gehetzt. Die USA weisen die Asylanträge der Übersetzer bis heute ab. Ein New Yorker Theaterstück beschreibt jetzt ihre Leiden.
Esam Pasha hatte den Irak eigentlich hinter sich gelassen. Nach der Invasion 2003 hatte der 32-jährige Maler aus Bagdad als Dolmetscher für die US-Truppen gearbeitet, war dafür bei seinen Landsleuten in Misskredit geraten und nach Todesdrohungen in die USA geflohen. 2006 kam er bei einer Familie in Connecticut unter, wo er seither wartet, dass sein Asylantrag genehmigt wird.
Am vergangenen Wochenende saß Pasha im dunklen Zuschauerraum eines Off-Broadway-Theaters im New Yorker Künstler-Viertel SoHo, und auf einmal kehrten all die Erinnerungen zurück. Die Angst vor den Bomben. Das Doppelleben zwischen "Besatzern" und Irakern. Die verschleppten, gefolterten, getöteten Freunde. Schließlich die vernichtende Enttäuschung durch die Amerikaner, für die er sein Leben aufs Spiel setzte - und die ihm dann Hilfe verweigerten.
Das Theaterstück, zu dem Pasha extra nach Manhattan gereist war, heißt "Betrayed" ("Verraten") und stammt von George Packer, einem Autor des Magazins "New Yorker". Es beruht auf einer Reportage Packers, in der er vor genau einem Jahr das Schicksal irakischer Dolmetscher beschrieb, die zwischen die Fronten gerieten: Von den Amerikanern erst ausgenutzt, dann vergessen - und von den Irakern als Verräter verstoßen und gejagt.
"Betrayed", das die Leiden der Dolmetscher zu einem nur auf dem Papier fiktiven Schauspiel verdichtet, offenbart ein reales, humanitäres Drama, über das auch am fünften Jahrestag des Einmarsches kaum einer redet. Tausende Iraker boten sich den Soldaten und Diplomaten als Mittelsleute an, weil sie an eine neue Zukunft glaubten. Statt Erlösung gab es Prügel: Hunderte wurden von irakischen Aufständischen als Verräter verschleppt, verstümmelt, ermordet.
Packer zeigt, wie den Übersetzern bei ihrem Überlebenskampf außerhalb der "Green Zone" Schutz und Hilfe verweigert wurde - und politisches Asyl, wenn ein Leben ohne Todesangst immer unmöglicher wurde. Von den bisher drei Millionen irakischen Flüchtlingen, die das Land seit 2003 verlassen haben, gelangte nur ein Bruchteil in die USA. 2007 ließ Washington rund 1600 irakische Flüchtlinge ins Land. Schweden dagegen, mit einer Einwohnerzahl von drei Prozent der US-Bevölkerung, hat rund 20.000 zugelassen.
"Die Zeit wird kommen, die Zeit wird kommen. Meine Zeit wird kommen."
"'Betrayed' wäre nicht so tragisch", schreibt Dexter Filkins, einst Bagdad-Reporter der "New York Times", "wenn es nicht auch wahr wäre". Produziert vom Theater Culture Project, das sich auf gesellschaftskritische Themen spezialisiert hat, ist das Stück eine Parabel auf einen Krieg, in dem die Kategorien Gut und Böse ihren Wert verloren haben. Es erzählt die Geschichte der Freunde Intisar, Laith und Adnan, die sich den Amerikanern voller Idealismus anschließen - und dafür bitter bezahlen. In ihnen verschmelzen mehrere echte Personen, die Packer für seine Reportage getroffen hat.
"Betrayed" zeigt die Amerikaner nicht nur in schlechtem Licht. Sicher, da gibt es einen eiskalten Botschafter - aber auch den jovialen, wenn auch ahnungslosen GI und den jungen Diplomaten, der verzweifelt gegen die Regeln anrennt.
Eingerahmt von einer Begegnung im Hotel Palestine, während Bagdad draußen im Chaos versinkt, spielt sich die Desillusionierung und emotionale Zerrüttung der Iraker in Rückblenden ab. Die beginnen voller Hoffnung, dass die Ankunft der Amerikaner alles besser machen würde. Vor allem Adnan, der US-Filme und Popmusik liebt, kann es nicht abwarten: "Ich hatte immer, immer diesen Klang in meinem Hinterkopf: Die Zeit wird kommen, die Zeit wird kommen. Meine Zeit wird kommen."
Gemeinsam mit seinem Freund Laith (einem Schiiten) heuert Adnan (ein Sunnit) in der US-Botschaft als Dolmetscher an. Dort treffen sie die junge Intisar, die Emily Brontë auswendig kann und sich weigert, ihr Haar mit einem Kopftuch zu bedecken. "Ich will nichts tun, was mir jemand vorschreibt", sagt sie. "Das ist ziemlich mutig von dir", sagt ein US-Diplomat. Sie erwidert mit einer Zeile, die die Gemütslage vieler Iraker auf den Punkt bringen dürfte: "Es ist nicht, weil ich mutig bin. Es ist, weil ich müde bin."
Verzweiflung, Blut, Folter, Vertreibung, Tod
Zunächst sind die drei Feuer und Flamme, bei der Befreiung ihres Landes mitmachen zu dürfen. Doch das Misstrauen zwischen Amerikanern und Irakern lässt sich nie vollends ausräumen. Als Bagdad außerhalb der gesicherten "Green Zone" im Chaos versinkt, wird diese Kluft für Adnan, Laith und Intisar - die jeden Abend schutzlos in ihre umkämpften Wohnviertel zurückkehren müssen - unerträglich: Die Amerikaner betrachten die Dolmetscher als Sicherheitsrisiko und verweigern ihnen Schutz. Die Iraker sehen sie als Komplizen des Feindes. "Manchmal", sagt Laith resigniert, "fühle ich mich, als stünden wir Schlange für ein Ticket zum Sterben."
Es endet in Verzweiflung, Blut, Folter, Vertreibung, Tod. "Ich fiel zwischen Himmel und Hölle", sagt Adnan. "Die Amerikaner wollten mich nicht, und die Iraker wollten mich nicht. Wohin soll ich gehen? Sie haben mich, wie sagt man, vor die Hunde geworfen." Die Heimatlosen als Asylanten anzuerkennen, damit würden die Amerikaner, wie Adnan in "Betrayed" sagt, "eingestehen, dass sie im Irak versagt haben".
George Packer - der die US-Invasion im Irak anfangs unterstützte - sieht "Betrayed" nicht als politische Anklage. "Ich wollte die Erlebnisse der Iraker aufzeigen", sagt der Journalist aus Brooklyn, der sich nach der Vorstellung den Fragen des Publikums stellte. "Ich wollte sie als Menschen darstellen, in komplizierten, herzzerreißenden Situationen. Loyalität, Hoffnung, Verrat sind universelle Themen."
"Betrayed" sollte ursprünglich nur für zwei Wochen im Februar gezeigt werden. Wegen des enormen Zulaufs und der durchweg positiven Kritiken wurde es jedoch bis Mitte April verlängert. "Ich erwarte nicht viel von den Leuten", sagt Adnan zum Schluss. "Nicht verraten, nein, nicht enttäuscht. Ich kann nicht nur den Amerikanern die Schuld geben. Die Iraker haben ihr Land selbst zerstört, mit Hilfe der Amerikaner, unter amerikanischen Augen." Er macht eine Pause, schaut ins Publikum, wo auch Esam Pasha sitzt, und sagt dann: "Bis zu diesem Moment träume ich von Amerika."
"Unglaublich", murmelte Pasha hinterher, seine lange, wilde Mähne zum Pferdeschwanz gebunden. "Sie sprachen mit meinen Worten."
Quelle: http://www.spiegel.de
Von Marc Pitzke, New York
Tausende Iraker arbeiteten nach der Invasion als Dolmetscher für die Amerikaner. Sie wurden ausgenutzt, vergessen - und von ihren Landsleuten als Verräter gehetzt. Die USA weisen die Asylanträge der Übersetzer bis heute ab. Ein New Yorker Theaterstück beschreibt jetzt ihre Leiden.
Esam Pasha hatte den Irak eigentlich hinter sich gelassen. Nach der Invasion 2003 hatte der 32-jährige Maler aus Bagdad als Dolmetscher für die US-Truppen gearbeitet, war dafür bei seinen Landsleuten in Misskredit geraten und nach Todesdrohungen in die USA geflohen. 2006 kam er bei einer Familie in Connecticut unter, wo er seither wartet, dass sein Asylantrag genehmigt wird.
Am vergangenen Wochenende saß Pasha im dunklen Zuschauerraum eines Off-Broadway-Theaters im New Yorker Künstler-Viertel SoHo, und auf einmal kehrten all die Erinnerungen zurück. Die Angst vor den Bomben. Das Doppelleben zwischen "Besatzern" und Irakern. Die verschleppten, gefolterten, getöteten Freunde. Schließlich die vernichtende Enttäuschung durch die Amerikaner, für die er sein Leben aufs Spiel setzte - und die ihm dann Hilfe verweigerten.
Das Theaterstück, zu dem Pasha extra nach Manhattan gereist war, heißt "Betrayed" ("Verraten") und stammt von George Packer, einem Autor des Magazins "New Yorker". Es beruht auf einer Reportage Packers, in der er vor genau einem Jahr das Schicksal irakischer Dolmetscher beschrieb, die zwischen die Fronten gerieten: Von den Amerikanern erst ausgenutzt, dann vergessen - und von den Irakern als Verräter verstoßen und gejagt.
"Betrayed", das die Leiden der Dolmetscher zu einem nur auf dem Papier fiktiven Schauspiel verdichtet, offenbart ein reales, humanitäres Drama, über das auch am fünften Jahrestag des Einmarsches kaum einer redet. Tausende Iraker boten sich den Soldaten und Diplomaten als Mittelsleute an, weil sie an eine neue Zukunft glaubten. Statt Erlösung gab es Prügel: Hunderte wurden von irakischen Aufständischen als Verräter verschleppt, verstümmelt, ermordet.
Packer zeigt, wie den Übersetzern bei ihrem Überlebenskampf außerhalb der "Green Zone" Schutz und Hilfe verweigert wurde - und politisches Asyl, wenn ein Leben ohne Todesangst immer unmöglicher wurde. Von den bisher drei Millionen irakischen Flüchtlingen, die das Land seit 2003 verlassen haben, gelangte nur ein Bruchteil in die USA. 2007 ließ Washington rund 1600 irakische Flüchtlinge ins Land. Schweden dagegen, mit einer Einwohnerzahl von drei Prozent der US-Bevölkerung, hat rund 20.000 zugelassen.
"Die Zeit wird kommen, die Zeit wird kommen. Meine Zeit wird kommen."
"'Betrayed' wäre nicht so tragisch", schreibt Dexter Filkins, einst Bagdad-Reporter der "New York Times", "wenn es nicht auch wahr wäre". Produziert vom Theater Culture Project, das sich auf gesellschaftskritische Themen spezialisiert hat, ist das Stück eine Parabel auf einen Krieg, in dem die Kategorien Gut und Böse ihren Wert verloren haben. Es erzählt die Geschichte der Freunde Intisar, Laith und Adnan, die sich den Amerikanern voller Idealismus anschließen - und dafür bitter bezahlen. In ihnen verschmelzen mehrere echte Personen, die Packer für seine Reportage getroffen hat.
"Betrayed" zeigt die Amerikaner nicht nur in schlechtem Licht. Sicher, da gibt es einen eiskalten Botschafter - aber auch den jovialen, wenn auch ahnungslosen GI und den jungen Diplomaten, der verzweifelt gegen die Regeln anrennt.
Eingerahmt von einer Begegnung im Hotel Palestine, während Bagdad draußen im Chaos versinkt, spielt sich die Desillusionierung und emotionale Zerrüttung der Iraker in Rückblenden ab. Die beginnen voller Hoffnung, dass die Ankunft der Amerikaner alles besser machen würde. Vor allem Adnan, der US-Filme und Popmusik liebt, kann es nicht abwarten: "Ich hatte immer, immer diesen Klang in meinem Hinterkopf: Die Zeit wird kommen, die Zeit wird kommen. Meine Zeit wird kommen."
Gemeinsam mit seinem Freund Laith (einem Schiiten) heuert Adnan (ein Sunnit) in der US-Botschaft als Dolmetscher an. Dort treffen sie die junge Intisar, die Emily Brontë auswendig kann und sich weigert, ihr Haar mit einem Kopftuch zu bedecken. "Ich will nichts tun, was mir jemand vorschreibt", sagt sie. "Das ist ziemlich mutig von dir", sagt ein US-Diplomat. Sie erwidert mit einer Zeile, die die Gemütslage vieler Iraker auf den Punkt bringen dürfte: "Es ist nicht, weil ich mutig bin. Es ist, weil ich müde bin."
Verzweiflung, Blut, Folter, Vertreibung, Tod
Zunächst sind die drei Feuer und Flamme, bei der Befreiung ihres Landes mitmachen zu dürfen. Doch das Misstrauen zwischen Amerikanern und Irakern lässt sich nie vollends ausräumen. Als Bagdad außerhalb der gesicherten "Green Zone" im Chaos versinkt, wird diese Kluft für Adnan, Laith und Intisar - die jeden Abend schutzlos in ihre umkämpften Wohnviertel zurückkehren müssen - unerträglich: Die Amerikaner betrachten die Dolmetscher als Sicherheitsrisiko und verweigern ihnen Schutz. Die Iraker sehen sie als Komplizen des Feindes. "Manchmal", sagt Laith resigniert, "fühle ich mich, als stünden wir Schlange für ein Ticket zum Sterben."
Es endet in Verzweiflung, Blut, Folter, Vertreibung, Tod. "Ich fiel zwischen Himmel und Hölle", sagt Adnan. "Die Amerikaner wollten mich nicht, und die Iraker wollten mich nicht. Wohin soll ich gehen? Sie haben mich, wie sagt man, vor die Hunde geworfen." Die Heimatlosen als Asylanten anzuerkennen, damit würden die Amerikaner, wie Adnan in "Betrayed" sagt, "eingestehen, dass sie im Irak versagt haben".
George Packer - der die US-Invasion im Irak anfangs unterstützte - sieht "Betrayed" nicht als politische Anklage. "Ich wollte die Erlebnisse der Iraker aufzeigen", sagt der Journalist aus Brooklyn, der sich nach der Vorstellung den Fragen des Publikums stellte. "Ich wollte sie als Menschen darstellen, in komplizierten, herzzerreißenden Situationen. Loyalität, Hoffnung, Verrat sind universelle Themen."
"Betrayed" sollte ursprünglich nur für zwei Wochen im Februar gezeigt werden. Wegen des enormen Zulaufs und der durchweg positiven Kritiken wurde es jedoch bis Mitte April verlängert. "Ich erwarte nicht viel von den Leuten", sagt Adnan zum Schluss. "Nicht verraten, nein, nicht enttäuscht. Ich kann nicht nur den Amerikanern die Schuld geben. Die Iraker haben ihr Land selbst zerstört, mit Hilfe der Amerikaner, unter amerikanischen Augen." Er macht eine Pause, schaut ins Publikum, wo auch Esam Pasha sitzt, und sagt dann: "Bis zu diesem Moment träume ich von Amerika."
"Unglaublich", murmelte Pasha hinterher, seine lange, wilde Mähne zum Pferdeschwanz gebunden. "Sie sprachen mit meinen Worten."
Quelle: http://www.spiegel.de